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              Inhalt



              Als Lehrling nach Südamerika.........9-56


              1. Kapitel...........................................9
              2. Kapitel...........................................26
              3. Kapitel...........................................43
              4. Kapitel...........................................50



              Als Facharbeiter unterwegs..............57-116


              I. Teil - Im Roten Meer...................58
              II. Teil - Im Mittelmeer....................92
               


              Als Nautiker nach Australien...........117-175
               
              1. Kapitel........................................118
              2. Kapitel........................................130
              3. Kapitel........................................143
              4. Kapitel........................................157
              5. Kapitel........................................174


              Epilog...............................................176

              Seemannssprache
               und der Versuch, sie zu erklären......178

              Weitere Bände der
               Reihe Seemannsschicksale..............183

 

                                                Als Facharbeiter unterwegs




Dieser zweite Teil beginnt mitten in der Wende. Mein Grundwehrdienst wurde aufgrund der politischen Ereignisse wie bei vielen anderen verkürzt. Worüber ich mich freute, denn so konnte ich bis zum Beginn meines Studiums an der Seefahrtsschule Warnemünde / Wustrow zur See fahren, Geld verdienen, etwas erleben und Erfahrungen sammeln.
Im April 1990 war die DSR noch gezwungen, die für den Grundwehrdienst freigestellten Mitarbeiter wieder einzustellen und sofort auf einem Schiff einzusetzen. So gehörte ich zu den Glücklichen, denen ein Frachter ins Rote Meer zugesagt wurde, für drei Monate. Das hätte wunderbar geklappt: nach dem Einsatz noch etwas Urlaub, bevor dann im September das Studium beginnen würde. Aber es sollte anders kommen. Die Reederei begriff im Laufe der nächsten Wochen, dass man viel Geld sparen konnte, wenn die Besatzungen bis zu einem halben Jahr an Bord blieben.
Ich habe versucht, unpolitisch zu bleiben und wollte nur aufzeichnen, was an Bord geschah, als sich zu Hause so vieles tat. Viele wollten einfach nur heim. Das Schlimmste, was einem Seemann passieren kann, ist, die Familie nicht unterstützen zu können, wenn sich die ganze Welt um sie herum verändert.
Für mich wurde es interessant, weil sich mein Studienbeginn verschob. Später hatte ich auch hart daran zu arbeiten. Aber dazu vielleicht mehr in einem neuen Buch. Jetzt geht’s erst einmal ins Rote Meer:
 

 

                                                              I.  Teil - Im Roten Meer


Dienstag, der 8. Mai 1990 -  Rostock Überseehafen  -

Nun, ich muss zugeben, etwas Glück gehört schon dazu, gleich nach der Armee wieder eine längere Reise machen zu können! Aber wie war das doch gleich mit den „dümmsten Bauern“...?
 Nach dem üblichen chaotischen Hin und Her bei dieser Reederei - meine Musterung war offiziell noch nicht bekannt, also suchte ich vergebens in der Musterrolle meinen Namen, um mich beim Seefahrtsamt eintragen zu lassen -  war ich schließlich doch reguläres Mitglied dieser reichlich bunt zusammengewürfelten Crew. Von den sechs Matrosen waren allein fünf gerade von der „Asche“ zurück. Wir waren wohl alle etwas aus der Übung gekommen, und so verband uns vieles. Zudem waren wir alle im gleichen Alter.
Nachdem meine Schwierigkeiten beseitigt waren, wurde es mir möglich, mich auch noch einem guten Kumpel von der Armee, mit dem ich das letzte Viertel Jahr auf einer Stube gelebt hatte, zu widmen. Wie ich so nebenbei vom Chiefmate hörte, fehlten uns noch zwei Vollmatrosen. In seinem Auftrag ging ich dann zum Arbeitskräftelenker, der mir schließlich zusagte, Torsten mitfahren zu lassen. Nun sollte er nur noch davon in Kenntnis gesetzt werden. Dazu musste ich quer durch den ganzen Hafen laufen, denn wir hatten inzwischen an die Containerpier verholt und Torsten war als Springer auf einem Schüttgutdampfer gelandet. Und das bei 25 Grad Celsius - Anfang Mai !!! Ich stand dann vor dem dortigen WO und meinte:
„Mich schickt die AK von FE2, wir brauchen dringend einen Vollmatrosen, ich soll dem Herrn H. hier Bescheid geben.“ - „Na bitte, nichts dagegen.“ Wir riefen ihn heran, und ich konnte es mir nicht verkneifen, ihn provokatorisch zu fragen :
„Na, willst du `ne Reise ins Rote Meer machen?!“ - Er zog ein säuerliches Gesicht und zuckte mit den Schultern.
„Natürlich, wann geht‘s los?“ - „Sofort. Du hast knapp zwei Stunden Zeit: zum Anmustern, Impfen und Klamotten hinüberschleppen.“ - „Bisschen knapp, was?“ Jedenfalls schaffte er es; trotz der Freude, die ihn hätte lähmen können, denn man hatte ihn gerade auf unbestimmte Zeit vertröstet, trotz der Fülle der Aufgaben und seiner eigenen und trotz der wahnsinnigen Hitze! Pünktlich war er an Bord.

Die letzten drei Arbeitsstunden buckelten wir unseren Proviant in die Lasten. Eine Beschäftigung, auf die sich jedes Mal die gesamte Besatzung ganz besonders freut...

Auslaufen fiel natürlich aus. Der ganze Stress und die Hektik des Tages scheiterten an Ladepapieren für das Milchpulver, welches wir ins Rote Meer fahren sollten.
 - - -
Heute, am Dienstag waren wir dann den ganzen Tag mit dem Laschen von Containern beschäftigt. Um 15.00 Uhr fuhren wir los - und legten uns auf Reede Rostock vor Anker. Die Papiere wurden erwartet . . .   Mittlerweile war ich als 2.WM in die 0-4-Wache eingestiegen. Den Mittwoch war ich mit dem einen der beiden Lehrlinge in Luk I und zimmerte Pallungen für die kreuz und quer gestellte Ladung. Wir ergänzten uns ganz gut. Während er an kaum zugänglichen Stellen noch arbeiten konnte, sägte ich ihm die Kanthölzer und Bretter zu.
Gegen 14.00 Uhr dann das erste Stellmanöver dieser Reise. Dabei erfuhr ich, dass ich mich diesmal mit einem DLA - Gerät plagen durfte! Punkt 15.00 Uhr hieß es „Anker auf!“ . Bis 16.00 Uhr stand ich noch auf der Brücke.
Gegen 20.00 Uhr verschwand ich in der Koje meiner Ein-Mann-Kammer, in die ich zuvor umgezogen war. Jetzt hatte jeder VM hier eine Einzelkammer. Bis 23.30 Uhr konnte ich durchschlafen. Gegen 22.00 Uhr erreichte die „Rostock“ die Kieler Schleuse zum NOK und lief ein. Die vier Stunden Doppelwache vergingen relativ schnell, nebenbei klarten wir auch die Containerlast auf. Von 04.00 bis 05.15 Uhr ruhte ich mehr oder weniger in Arbeitssachen auf der Backskiste. Dann kam die Schleuse. Diesmal schlief die 8-12-Wache durch. Das wurde dann meine erste Überstunde. Und endlich schlafen. Bis mich Torsten um 11.15 Uhr weckte. Er riss das Schott auf, knipste die Festbeleuchtung an und brüllte mich im Armeejargon an:
„Ach, man hat noch Zeit zum Muchen! Unsereiner reißt sich hier den Arsch auf, und du liegst noch immer auf der Matte! Sieh zu, dass du zehn vor zwölf oben bist!“ – Spach’s und grinste. Als er raus war, ließ ich mich erst mal wieder zurückfallen, erleichtert. Da wurde das Schott nochmals aufgestoßen, und Torsten meinte, jetzt schon zivilisierter :
„Mach hin, sonst schaffst du dein Eisbein nicht mehr.“
Von 12.00 bis 16.00 Uhr abwechselnd am Bock gesessen! Teilweise starker Nebel. Ich vergaß zu erwähnen: von 10.00 bis 12.00 Uhr lagen wir vor Elbe 1 auf Reede. Dann war wohl alles geklärt wegen der Papiere fürs Milchpulver. Endlich konnte die Reise losgehen!


Freitag, der 11. Mai 1990 -  Straße von Dover  -

Ganz normale 0-4-Wache, aber kalt, neblig und viel Wasser - eben auch von oben. Beim Hinuntergehen fragte mich mein Kollege dann :
„Trinkste noch ein Feierabendbier mit?“ - „Natürlich.“
Wir machten es uns in meiner Kammer gemütlich, öffneten die Flaschen und stellten uns gegenseitig vor. Daraufhin fragte ich ihn:
„An den Namen konntest du dich auch nicht mehr erinnern, was?“ - „Nein, du warst damals auch beim Rudern, oder?“ - „Ja, das ist jetzt schon fast zehn Jahre her!“ - Er nickte. Auch ich konnte mich noch daran erinnern. Allerdings hatte ich ein ungutes Gefühl dabei. Konkretes nicht, dazu war’s zu lange her, also Vorurteile beiseite lassen und den Menschen hier vor mir neu kennen lernen, nahm ich mir vor. Wir saßen fast eine halbe Stunde und erzählten, hauptsächlich über Reisen, die wir bisher gemacht hatten. Einmal fragte ich:
„Willst du nicht auch noch studieren?“ - „Jetzt nicht mehr, früher mal...“ - „Also nur noch ein paar Ecken ansehen und dann aufhören?“ - Er nickte. Gegen 04.30 Uhr hatten wir genug Bier getrunken, um schlafen zu können und trennten uns.

Natürlich schlief ich bis zum Mittag. Die 12-16-Wache danach verlief „ohne besondere Vorkommnisse“. Gegen 15.30 Uhr ließ der Second den Spruch des Tages los, nachdem er den Chiefmate, seine Ablösung, geweckt hatte:
„He, es ist halb vier. Zeit, die Ablösung zu wecken. Das ist schließlich das Zweitwichtigste auf der Brücke - gleich nach dem Kaffeekochen!“ - Wir grinsten uns alle drei nur an, und ich zog los, auch meine Ablösung zu wecken.

Abends dann saßen sie alle wieder vorm Videofernsehen. Eigentlich ungewöhnlich, denn zuvor hatte der „Schiffsgeburtstag“ stattgefunden, und jedes Besatzungsmitglied verfügte nun über ausreichend Alkohol, um sich für die nächsten Stunden „auszuknipsen“.


Samstag, der 12. Mai 1990

Hatte heute meine vorerst letzte Wache, nachts. Gegen Ende kam sogar ein kurzes Gespräch zwischen dem Second und mir in Gang. Und zwar fragte ich ihn, als er sich mit den Worten :
„Hab` heute noch nicht einmal eine geraucht“ neben das Radar setzte und sich eine ansteckte:
„Dann haben sie jetzt sicher etwas Zeit, eine Frage zu beantworten?“ - „Ja.“ - „Und zwar geht‘s um Folgendes: Ich habe meine Studienzulassung für dieses Jahr zugeschickt bekommen. Das sind immer noch die uralten Formulare, die sie schon seit 20 Jahren schicken. Und da steht nun hinten drauf, dass Beginner aus der Praxis nochmals vor Antritt des Studiums eine Beurteilung einzureichen haben. Bin ich nun einer aus der Praxis, weil ich eher mit dem Armeedienst aufhören konnte oder sind nicht die Zeiten der Beurteilungen endgültig vorbei?“ - „Eigentlich ja! Und soweit ich mich erinnern kann, fuhr ich vor meinem Studium auch noch etwa ein halbes Jahr zur See, ohne dann eine Beurteilung einzuschicken. Sind es denn noch immer vier Jahre?“ - Und schon waren wir im Erzählen.
Schließlich stellte er fest, dass dies ja meine letzte Wache sei und meinte:
„Da werden wir uns wohl zusammensetzten und ein Feierabendbier trinken müssen, was?“ - Und wir saßen tatsächlich noch bis 05.30 Uhr (!) in Jürgens Kammer und erzählten. Eigentlich ging’s mir gar nicht so besonders gut. Ich hatte schon den ganzen Tag über Kopfschmerzen, Schluckbeschwerden und starken Husten, so dass ein ordentliches Ausschlafen mal wieder „in“ wäre. Aber...

Nun, um 12.30 Uhr stieg ich in den Tagestörn mit ein und half Torsten beim Entrosten des Bb-Niederganges der Back.
Abends schließlich war große Geburtstagsfeier. Der eine Deckslehrling hatte eingeladen, und ich hatte die allererste Bereitschaft. Deswegen hatte ich mich beim Chiefmate abgesichert: Hin durfte ich, und anstoßen muss man ja wohl auch, aufs Wohl des Geburtstagskindes. Der Bootsmann war in der Frage aber als sehr streng bekannt, und so zog ich mich nach knapp einer Stunde, nachdem ich meinen „Anstoßmixdrink“ geleert hatte, in die Mannschaftsmesse zurück, um fernzusehen - sprich Video.


Sonntag, der 13. Mai 1990

Mein Husten machte mir immer mehr zu schaffen. Ich nahm mir deshalb vor, einen nikotinfreien Tag einzuschieben. Bis zum Smoketime war ich mit Ralf in Luk II damit beschäftigt, zwei beschädigte Kartons zu reparieren. Danach begann ich an der Stb.-Seite achterkante Back, den Niedergang von Rost zu befreien. Und ich wunderte mich selber, wie rasch mir die Arbeit von der Hand ging.
 Und Jürgen ist doch irgendwie ein „falscher Fuffziger“. Hat er mir doch während seiner 0-4-Wache ständig auf die Finger geschaut und meinte später nach dem Kaffeetrinken beim Feierabendbier zu den anderen :
„Und ich habe erst mal drei Stunden Comic geguckt. Dirk beim Arbeiten!“ - Da niemand so recht grinsen wollte, fügte er schnell hinzu :
„Ich habe nur gesehen, dass er immer noch entrostet hat, während Torsten auf der anderen Seite schon malte.“ - Das war natürlich Torstens Stichwort, auf das ich mich verlassen konnte:
„Ich bin ja auch schon seit gestern dabei!“ - Das reichte, damit war das Thema erledigt. Für mich hatte dieses Gespräch durchaus eine Aussage. Meine „dunklen Erinnerungen“ ans Rudern waren doch nicht so verkehrt. Der Mensch hier vor mir war sagenhaft arrogant. Es ist so ein Typ, der sich mit Hilfe eines anderen aufbaut, indem er den anderen immer und überall sticht. Nun, mal sehen, wie lange ich ihn das Spiel spielen lasse . . .

Abends Kino - eine wirklich langweiliger Western der DEFA. Danach schaute ich kurz bei Jürgen rein, da ich sonst niemanden antraf und dort Stimmen hörte. Nach einem sehr langgezogenen Doppelten verabschiedete ich mich. Torsten ebenfalls. Günter blieb noch und bemerkte :
„Ihr seid ja genügsam!“ - Ich hoffe, er wird dies ebenfalls an den Bootsmann weiter tragen, wie so vieles andere auch über den „Bordfunk“ hier schnell und ungenau verbreitet wird.


Montag, der 14. Mai 1990
 
Auf in den Swimmingpool war heute die Devise. Ralf, Alex, einer der Lehrlinge, und ich waren bis in den Nachmittag damit beschäftigt, drei Schichten Farbe auf die entrosteten und auch nicht entrosteten Stellen zu malen. Man kann Rost auch „totmalen“ - wenn ringsum Farbe ist und keine Luft mehr heran kommt, rostet auch dieser Rost nicht mehr. Einen Nachteil hat die Sache aber: Die Farbe ist sehr flexibel und mechanisch leicht zerstörbar, so dass es häufig vorkommt, dass die Farbe bei der kleinsten Berührung abfällt. Warum ich das erwähne? Nun, heute war es das erste Mal, dass mir ein Bootsmann den Auftrag gab, über Rost und Fett herüber zu malen. Gegen 16.00 Uhr sprach ich dann beim Second vor. Der Husten musste behandelt werden. Morgens, kurz nach dem Aufstehen, hatte ich kaum den Gruß in der Messe herausbringen können. Leider hatte er nichts zum Inhalieren da. Lutschbonbons und Hustensaft gab er mir, na, wir werden sehen.
Abends, nach dem Video, wollte ich noch etwas Luft schnappen und begab mich deshalb auf die achtere Manöverstation. Ich ließ meinen Blick über den in der Dämmerung versinkenden Ozean schweifen - und bemerkte dabei aus den Augenwinkeln, dass ich nicht allein war. Ein Deck höher standen sie: die mitreisenden Ehefrauen und die dazugehörigen Ehemänner. Alle hatten wir wohl denselben Gedanken. Es war ein kurioses Bild. Wie auf einem „Passenger“ standen sie da an der Reling und schauten, als ob sie noch nie einen Sonnenuntergang auf dem Meer erlebt hätten. Aber so ist es wohl wirklich: Wer einmal den Anblick des Ozeans genossen hat, der wünscht ihn sich immer wieder. Diskret zog ich mich zurück. Ich wollte allein sein, allein mit der unendlichen Weite des Wassers . . .

Eigentlich hatte ich dann vor, in die Koje zu steigen, aber weit gefehlt. In der Kammer gegenüber saß der Koch mit seiner Frau, einem Matrosen und der Oberstewardess. Und auf die freundlich-eindringliche Einladung des Kochs hin musste ich mich wohl oder übel dazusetzen. Es wurde eine gemütliche Plauderrunde. Hauptthema war natürlich die Währungsunion und, im weiteren, die gesamte Vereinigung mit ihren Folgen für den „normalen“ DDR-Bürger. Ich möchte das nicht ausdehnen. Jeder wird wissen, dass viel darüber diskutiert wurde und keinesfalls jeder mit dem einverstanden war, was mit uns geschah.


Dienstag, der 15. Mai 1990   - Gibraltar  -  (Europoint)

Den Nachmittag machten Ralf, Alex und ich den Swimmingpool soweit fertig, dass Ralf ihn dann weiß spritzen konnte und nachmittags alles beendet war. Morgen werden wir wohl anbaden können. Das Wetter ist auch schon gut: wolkenloser Himmel und 25°C.
Kurz vorm Mittag begann ich mit dem Deck um die Containerlast herum. Eine unglaubwürdig langweilende Beschäftigung: Quadratmeterweise mit der Rostpistole zu arbeiten. Bis zum Feierabend schaffte ich es, auf der Hälfte der Fläche schon Farbe aufzutragen.
Über Mittag fuhren wir ins Mittelmeer ein. Ohne Doppelwache. Ich hatte mich schon darauf gefreut, eine Stunde lang in aller Ruhe Gibraltar zu genießen. Stattdessen saß ich lärmend im Staub. Der „Spruch des Tages“ kam heute von Torsten:
„Ich habe so das Gefühl, dass auf der Reise noch irgendwas passiert!“ - Wir werden ja sehen.
Abends dann saßen wir fünf Matrosen bei Ralf in der Kammer, tranken Gin und erzählten. Selbstverständlich hielt ich mich mit dem Alkohol zurück und trank nur ein Glas Wein. Ich hatte Bereitschaft. Gegen 23.15 Uhr verabschiedete ich mich. Übrigens habe ich meinen Nikotinverbrauch auf zwei Zigaretten pro Tag reduziert. Der Husten ist auch hörbar zurückgegangen.


Mittwoch, der 16. Mai 1990  -  Nebel  -

Wieder fing der Tag trübe an, so dass man sich einen kräftigen Ruck geben musste, um zum Werkzeug zu greifen. Ich machte an der Stelle von gestern weiter und war auch schon gegen 10.00 Uhr soweit fertig, dass nur noch abgestochen werden musste, um dann zu malen. Diesmal war Ralf am zweiten Lukeneinstieg beschäftigt. Torsten ging als zweiter 8-12-WM auf die Brücke. Der Frühdunst hatte sich inzwischen zu einer tollen Waschküche entwickelt. Zeitweise lag die Sichtweite unter 100 m!
Nach dem Smoketime fing ich an, den Poller Bb.-Seite-Vorkante Luk 1 zu konservieren. Fast fertig, musste ich zu 12.00 Uhr auch auf die Brücke. Anfangs fand ich es ja erholsam, doch nach einer Stunde Langeweile sehnte ich mich förmlich an meinen Poller zurück. Als wenn jemand meinen Wunsch gehört hätte, lichtete es sich zusehend auf und gegen 13.30 Uhr wurde ich von den Brückenpflichten entbunden - durfte wieder sinnvollerer Beschäftigung nachgehen. Der „Spruch des Tages“ kam dementsprechend heute beim Feierabendbier von mir:
„Heute habe ich die Feststellung gemacht, dass Arbeit Spaß macht!“ - Torsten staunte nicht schlecht, als er aber meine Begründung hörte, meinte er :
„Was, nach einer Stunde erst? Ich habe mich schon nach 20 Minuten in der Nock schrecklich gelangweilt!“
Um 19.00 Uhr Kino: „Beverly Hills Cop“, altbekannt, aber immer wieder gut.
Das war er also - der 10. Tag dieser Reise . . .


Donnerstag, der 17. Mai 1990   -   Tag der Sicherheit   -

Heute war ich das letzte Mal an den Lukeneinstiegen. Hilfe hatte ich von den Stiften, die sich hier stündlich abwechselten. Schließlich und endlich war zum Feierabend alles fertig. Aber es hatte zu lange gedauert. Auch wenn man in Betracht zieht, dass es nun auf  korrektes Malen ankam. Beim Mittagessen meinte unser Bootsmann so nebenbei zu mir:
„Du musst noch sehr viel lernen, besonders was Effektivität angeht. Und schau dir mal die Luken und Kräne an. Nicht dass da etwas schief geht, wenn es im Hafen schnell gehen muss!“ - Ich nickte und war froh, dass er es so ruhig sagte, und ohne dass es die Lehrlinge hörten. Und dann kam er auf einmal auf mein Studium zu sprechen. Zu ihm hatte ich davon zwar noch nichts gesagt, aber darüber wunderte ich mich schon nicht mehr. Viele an Deck wussten das, also auch der Bootsmann; und wer weiß, wer noch. Jedenfalls meinte er:
„Halt die Augen offen, an Deck. Nicht, dass du nach dem Studium aufsteigst, und von `Tuten und Blasen` keine Ahnung hast! - Ich wundere mich sowieso, dass die IHS immer noch Nautiker studieren lässt. Mit dem Studium kannst du doch in Zukunft nicht mehr viel anfangen. Auf den modernen Schiffen im Westen fährt doch nur noch einer das Schiff. Ein Mann mit beiden Patenten: A6 für die Brücke und C6 für die Maschine. Die bilden dort sowieso nur noch in diesem Komplexstudium aus. Unsere hängen wie immer hinterher, werden sie wohl ohnehin bald zumachen, die Einrichtung. Ich will dir nicht die Laune verderben, aber so sieht’s aus, im Moment.“ - Ich nickte wieder und entgegnete:
„Soviel ich weiß, treten dieses Jahr neue Studienpläne in Kraft. Die IHS muss jetzt einfach flexibler arbeiten - hoffe ich jedenfalls!“ - Darauf Ralf :
„Jetzt versucht er, sich Mut zu machen.“
„Natürlich sollte man nicht immer alles so schwarz sehen.“ - Und nun ließ Ralf die Katze aus dem Sack:
„Ein Glück, dass ich meine Studienzulassung erst für 1991 habe. Bis dahin kann noch viel passieren. Da wird sich schon alles eingerenkt haben!“ - Schweigen, Kopfnicken und -schütteln.
Jeder hing seinen Gedanken nach. Auch ich hatte ursprünglich solche Spekulationen ins Auge gefasst. Aber es gab zwei Gründe, meine Zulassung von 1991 auf 1990 vorzuverlegen. Erstens: Ich gewann ein Jahr! Und wenn irgend etwas im ersten Studienjahr schief laufen sollte, war der Verlust nicht so groß und die Möglichkeit, sich etwas anderes zu suchen und zu bekommen, größer.
Zweitens: Wer weiß schon genau, ob die Zulassungen für 1991 nicht noch kurz vorher gestrichen werden. Es gibt ohnehin genug studierte Seeleute. Und wenn man nun schon dabei ist ... Also, auf in den September!

Um 13.00 Uhr begannen die Sicherheitsbelehrungen. Erste Station für unsere Decksgang war das Rettungsboot. Und sofort fing der Bootsmann an zu schießen. Zu mir gewandt, forderte er:
„Erklär‘ doch mal das Klarmachen des Bootes!“ - Nun, wenn‘s weiter nichts war. Auch der III. Nautiker nickte:
„Nur zu, nach der Armee hat man vielleicht Lücken.“ - Ich erzählte und war so schnell fertig, dass selbst ich überlegte, ob ich nicht irgend etwas vergessen hätte. Und ich sah es den anderen auch an, dass sie angestrengt nach der „Lücke“ suchten...
Dann erklärte uns der I. TO die Bedienung des Rettungsbootsmotors und der II.Nautiker die Handsignalmittel und die Flöße, schließlich war der Funker mit der Seenotrettungsfunkstation dran. Alles war noch beim alten. Für mich und die anderen nichts neues. Keine „Lücken“! Abschließend stiegen wir probeweise in unsere personengebundenen Rettungsanzüge. Viele halfen sich gegenseitig, ich für meinen Teil legte Wert darauf, allein und zügig hinein zu kommen. Im Ernstfall muss es auch ohne Hilfe gehen!
Dann kam um 15.30 Uhr Coffeetime und gegen 16.00 Uhr war die Decksgang komplett auf dem Brückendeck versammelt. Der Swimmingpool zog, und das Wetter lud zum ersten Sonnenbad ein. Um 18.00 Uhr kam die Durchsage vom Chiefmate über Bordfunk:
„Schönen Guten Abend, Besatzung! Achtern ist alles gegrillt, und das Fass Bier ist angestochen und wartet. Also auf nach Achtern - das Fassbier ist da!“
Er sagte mir nichts neues, schließlich hatte ich das Fass hingeschleppt und war beim Anstechen nur knapp einer Dusche entkommen. Während wir dort speisten, zogen an der Steuerbordseite Afrikas Küste und an Backbord die Vorläufer von Sizilien vorbei. Es war herrliches Wetter, und der Met floss in Strömen - im wahrsten Sinne des Wortes . . .


Freitag, der 18. Mai 1990 - Bordversammlung

Heute hatten wir einen knallharten Arbeitstag. Wie die Besessenen entrostete die Decksgang an der Stb.-Seite von Luk I den Wettergang - sprich das Hauptdeck. Torsten am „Kindersarg“, die offizielle Bezeichnung ist mir nicht bekannt, beschreibend könnte man aber sagen: elektrische Entrostungswelle o.ä., deren Elektromotor in einem Holzgehäuse untergebracht war, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Kindersarg hatte. Ralf und ich an den Druckluftrostpistolen und die Stifte mit Handwerkszeug. Sie dürfen ja täglich nur 2 mal 20 Minuten mit Druckluftgeräten arbeiten, wegen der Belastung des Stützsystems, die selbst wir heute spürten!  Bis zum Mittag sah es so aus, als wenn wir es nicht schaffen würden - also legte ich meine gemütliche Arbeitshaltung ab (Torsten sprach schon öfter davon, ich hätte wohl eine sitzende Tätigkeit) und legte dafür weniger Wert auf die Qualität. Nun, vereint schafften wir es selbstverständlich, bis 17.00 Uhr fertig zu werden. Inklusive zweimal Farbe! Und dabei meinte es die Sonne endlich so gut mit uns, dass wir längst nur noch in Turnhosen herumliefen. Unsere Stifte waren am Ende und echt schlechter Laune, was ich ihnen nicht verdenken konnte. Über Ralf musste ich im Stillen schmunzeln. Seit Reisebeginn war er immer der letzte, der zur Pause die Arbeit liegen ließ und der erste, der wieder anfing. Aber heute Nachmittag ließ sein Elan doch nach ...
 Gegen Torsten konnte man nichts sagen, auch wenn er als dick angesehen wurde. Ich wusste, dass er früher aktiv Kraftsport gemacht hatte und dann abrupt aufhören musste - alles aufgeschwemmte Muskeln, die immer noch mehr bringen als beim Durchschnittsmenschen!
Und unser Bootsmann staunte! Er hatte uns allein arbeiten lassen, hatte andere Dinge zu tun und nickte zum Feierabend anerkennend mit dem Kopf. Immerhin - alles unser Geld: Jeder Quadratmeter wird als Eigenleistung abgerechnet und geht prozentual verteilt auf unsere Konten. Und das soll nicht unerheblich sein...
Für mich war der Arbeitstag aber noch nicht ganz beendet. Rasch unter die Dusche, zum Abendbrot und dann hoch auf die Brücke. Der Bereitschaftsmann löst den 4-8-Wachmatrosen zum Essen ab und schreibt sich dafür eine halbe Überstunde sowie 15 Bereitschaftsstunden!
Und jetzt gönnte ich mir endlich ein Bad im sauberen Swimmingpool - herrlich erfrischend, könnte aber noch 5 bis 10 Grad wärmer sein. Übrigens erfuhr ich auf der Brücke, dass wir heute gegen Mittag etwa an Sizilien vorbeigefahren sind und nun direkten Kurs auf Port Said nehmen. Wenn alles weiter nach Plan läuft, werden wir wohl Montagabend dort sein und am Dienstag den Kanal durchfahren - einer der wenigen Höhepunkte der bisherigen Reise.
Um endlich damit anzufangen, begab ich mich dann für eine halbe Stunde in den Sportraum, mal sehen, vielleicht bringt’s ja was?!
Punkt 19.00 Uhr begann sie endlich, die langerwartete Bordversammlung. Der Kapitän hatte das Wort:
„Zum weiteren Reiseverlauf, soweit er mir bekannt ist, kann ich sagen, dass wir nächste Woche in Jeddah ankommen werden. Dort besteht Fotografier- und Landgangsverbot - strikt! Die Fotoapparate und Zubehör werden vorher in der Transitlast unter Verschluss genommen. Der Tiefgang wird vom Schiff aus abgelesen. Niemand betritt auch nur die Pier! Außerdem darf auf dem Schiff kein Tropfen Alkohol und kein Porno bei der Besatzung gefunden werden. Der Zoll dort schaut sogar in die Kühlschränke und Kammern! Also, lasst euch was einfallen.
Danach geht‘s nach Aden, dort werden die Container gelöscht und wieder welche geladen. Landgang ist dort bis 22.00 Uhr, von dort festgelegt, und wie es dann weitergeht, weiß bis jetzt noch keiner. Im Gespräch war Assab; vielleicht fahren wir aber auch fast leer zurück. Wir werden sehen. Fest steht, dass wir Anfang August abgelöst werden und dann Mitte September wohl wieder aufsteigen ...“ - Das war ja bald die wichtigste Information des Tages. Denn das würde bedeuten, Umkehrreise von Westeuropa aus! Vielleicht ein Vier-Wochen-Trip ins Mittelmeer? Schön wär’s ja. Aber wie war das alte Reedereimotto: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!
Abschließend machte der Second noch die üblichen Belehrungen: Häfen, Zoll, Tropen; und kam dabei auch auf abgekochtes Wasser zu sprechen. Wir Matrosen sahen uns leicht grinsend an. Letztens erst hatte einer erzählt, bei einer solchen Belehrung hätte ein Schlaumeier gefragt, ob man auch die Eiswürfel vor Gebrauch abkochen müsse ...
Und da kam es auch schon:
„... auch das Wasser für die Eiswürfel ist vorm Frieren abzukochen ...“ Er kannte die Story also auch. - Nun, nachdem alle die Belehrungen unterschrieben hatten, war die  Veranstaltung beendet. Keine 20 Minuten waren vergangen.
Schnell zur Getränkeausgabe und zum Video. Unglücklicherweise hatte jemand denselben Film von gestern eingelegt! Also hieß es, früh in die Koje . . .


Sonnabend, der 19. Mai 1990 - Fete

Allmählich setzte sich der Alltag an Bord durch. Tagsüber wird eben entrostet und gemalt. Aber abends ... war erst mal wieder Transitausgabe. Den Begriff „Schiffsgeburtstag“ finde ich irgendwie treffend!
Heute Abend saßen die fünf Matrosen bei mir, erzählten, tranken und rauchten. Es wurde gemütlich. Als gegen 22.00 Uhr nur noch Jürgen, Günter und ich dasaßen, kam ich noch einmal tüchtig ins Staunen. Ich erzählte gerade, dass ich mich für Torsten eingesetzt hatte, da wir gemeinsam bei der Armee gewesen waren, da meinte Jürgen:
„Ich habe ja deinetwegen auch W. angesprochen. Ich sagte zu ihm, dass noch ein Matrose an Bord ist, der aber nicht auf der Musterrolle steht, angeblich aber mitfahren soll. Er grübelte eine Weile und meinte dann, du würdest schon mitfahren, er regelt das! Also ‚eingesetzt‘ kann man vielleicht nicht sagen...“ - „Aber zumindestens hast du es erwähnt!“ - „Ja, so kann man es wohl bezeichnen.“
Das hätte ich nun wirklich nicht für möglich gehalten. Jetzt wurde unsere Unterhaltung lockerer und persönlicher, so dass Günter völlig unbeteiligt zuhören musste. Wir redeten über Jugendklubs und was uns gefiel und was nicht. Wir waren ja aus derselben Stadt. Gegen 23.00 Uhr beendeten wir die erste Fete bei mir. Ich ging an Deck, und während ich die letzte Zigarette für heute rauchte, hörte ich das Meer rauschen, sah den dichtbesäten Sternenhimmel über mir und grübelte wieder einmal über meine Zukunft nach . . .


Sonntag, der 20. Mai 1990

Ein herrlicher Tag, zumal ich überhaupt keine Probleme mit dem Aufstehen hatte - man sollte beim Feiern wirklich immer nur bei einer Sorte bleiben und hat so am folgenden Morgen keinen dieser gefürchteten Brummschädel!
Und da die Lehrlinge heute wie jeden Sonntag frei machten, sahen wir auch alles etwas lockerer.
Erst mal klönten wir vor Arbeitsbeginn mit dem Bootsmann über unsere Armeezeit - und schon war eine halbe Stunde herum! Also ran an die Arbeit. Während die anderen beiden mit dem Deck beschäftigt waren, bearbeitete ich den Tag über ein „Rohrschutzblech“ mit der Pistole. Es gab wirklich den Moment, wo ich am liebsten alles weit von mir geworfen hätte, aber da kam Torsten an und überzeugte mich auf die ruhige Art, doch weiterzumachen. Die Farbe saß aber auch dick drauf und wurde bei der Hitze so elastisch, dass sie sich zwar verformte, sich aber kaum vom Metall, sprich dem Rost trennen ließ. Zum Feierabend um 15.15 Uhr hatte ich das Blech selbstverständlich mit drei Schichten Farbe bemalt und das bisher entrostete Deck hatte seine erste Lackschicht grün bekommen. Und das mit nur drei Mann, die gemütlich zu Werke gegangen waren! ---
 Schnell duschen, die Badesachen gegriffen, den Sonntagskuchen im Vorbeigehen mitgenommen, hieß es oben auf dem Peildeck erst mal den frühen Feierabend nutzen und genießen. Wie schon erwähnt, so ein kühles Bad im Salzwasser ist doch enorm erfrischend. Bis zum Abendbrot saß die Decksgang oben und sonnte sich. Nach dem Essen holte ich meinen trockenen Teppich wieder in die Kammer, den ich gestern beim Großreinschiff mit dem Schrubber bearbeitet hatte, um endlich Grund in die Bude zu bekommen.
Abends gab es wieder ein totlangweiliges Video, so dass sich die Decksgang schon früh zurückzog. Günter und ich saßen noch bei einem Glas Wermut zusammen und schwärmten von Rolex-Uhren. (Das sind diese Billigprodukte aus der Schweiz, die sich ohnehin keiner kauft - die Preise gehen erst bei vierstelligen Beträgen los.)


Montag, der 21. Mai 1990 - Port Said

Wie jeden Morgen wurde ich auch heute vom Telefonklingeln geweckt:
„Guten Morgen! Es ist 07.00 Uhr und es gibt Warmes Eckchen.“ - So, so! Sieben ist es also, meine Uhren zeigten aber erst die 6. Stunde! Ach, richtig, ich hatte ganz vergessen, dass diese Nacht die Uhren um eine Stunde vorgestellt wurden, um auf Ortszeit zu kommen. Nachmittags sollten wir Port Said erreichen.
Bis zum Smoketime war ich dann mit Jörn, dem Lehrling, mit dem Spulen der Aufbauten beschäftigt. Anschließend bauten wir die konservierten Rohrschutzbleche wieder an. Eine fürchterliche Fummelei!
Ab 12.00 Uhr Doppelwache. Ich war kaum auf der Brücke, als mir der Funker das erste Telegramm mit erfreulichen Nachrichten aus der Heimat in die Hand drückte. Gegen 15.00 Uhr fuhren wir in Port Said ein. Ich ärgerte mich fürchterlich, dass ich den Fotoapparat nicht dabei hatte. Es waren einige schöne islamische Kuppelbauten zu sehen. Ich stand gerade am Ruder, als wir an der Pier mit drei Achterleinen und vorne mit den beiden Ankern festmachten. Ein kompliziertes Manöver - aber nicht für dieses gut eingespielte Nautikerteam. Und kaum waren wir fest, legten auch schon die ersten Boote an unserer zu Wasser gelassenen Gangway an, und die „Kleinhändler“ breiteten ihre Waren an der Vorkante der Aufbauten aus. Und sie hatten Erfolg. Sofort war die Besatzung dort und kaufte: Uhren, Werkzeug, Klamotten und Kinkerlitzchen, zu deutsch „Rappisch“! Ich für meinen Teil holte mir lediglich ein paar Ansichtskarten...
Als Video kam heute „Dirty Dancing“ - drei Stunden lang. Um 22.00 Uhr legte ich mich hin. Der nächste Tag würde lang werden.


Dienstag, der 22. Mai 1990 - Suezkanal

Um halb zwölf nachts kam Torsten in meine Kammer gestürzt und weckte mich zu meiner 0-4-Wache mit dem Ruf:
„... der Lotse kommt in 10 Minuten!“ - Sofort war ich hellwach und stand umgezogen wenig später an der Gangway. Kurz nach Mitternacht kam er endlich an Bord. Die Suez-Elektriker hatten im Laufe des Abends den Scheinwerfer auf der Back bereits montiert und die letzten Händler waren von Bord verschwunden. Wir konnten los. Ich half achtern mit, die Leinen einzuholen und stieg dann auf die Brücke hoch. Abwechselnd standen Jürgen und ich am Ruder und steuerten unser Schiff nach den englischen Anweisungen des Lotsen im Konvoi an vierter Stelle langsam durch den berühmten Suezkanal. Jetzt, bei Nacht, war selbstverständlich nicht viel von der Umgebung zu erkennen. Schon deswegen war ich auf die Tageswache gespannt.
Nach einem gemütlichen Feierabendtee gingen wir gegen halb fünf wieder in die Koje. Ich schlief unruhig und wachte wiederholt auf. Seit kurz nach sieben war es still auf dem Schiff. Wir lagen im Bittersee vor Anker und warteten, dass der entgegenkommende Konvoi vorüberzog.
Durch den Kanal können übrigens Schiffe mit einer Länge von bis zu 300m, 60m Breite und einem Tiefgang von 16m fahren. Größer geht‘s beim besten Willen nicht!
Kurz vor elf stand ich auf und ging an Deck, um die Umgebung zu fotografieren. Leider war die Sicht schlecht. Diesig, dunstig war gerade so die nahegelegene Sandküste des Großen Bittersees zu erkennen. Wieder waren Händler an Bord. Dieses Mal kaufte ich drei bemalte Papyrusblätter, die, wie ich aber erst Jahre später erfuhr, nur die üblichen Fälschungen aus Bananenschalen darstellten. Die Täuschung ist derartig gut, dass man die Materialien stark falten muss, um sie auseinanderhalten zu können. Nur echtes Papyrus bleibt faltenfrei.
Gegen 11.30 Uhr hieß es „Anker auf!“ und der Konvoi, bestehend aus acht Frachtern, formierte sich neu, um seine Weiterfahrt aufzunehmen. Jürgen stand wie immer die erste Stunde „am Bock“ - während ich mir draußen in der Nock die Zeit damit vertrieb, die Wüste anzustarren. Mittlerweile hatten wir auf der Sonnenseite 42°C und im Schatten 28°C. So langsam konnte man den Eindruck gewinnen, man wäre in den Tropen! Absichtlich hatte ich keinen Fotoapparat mitgenommen, da ich nicht wusste, wie die Schiffsführung darauf reagieren würde. Als aber der Chiefmate in aller Ruhe zu filmen begann, ärgerte ich mich. Gegen dreiviertel eins dann stand ich zufällig mit dem Second allein in der Nock und nutzte die Chance:
„Ich könnte mich ärgern, dass ich keinen Fotoapparat hier habe! - Na ja, lässt sich nicht ändern...“ - Er nickte und schwieg. Nach einer Minute meinte er:
„Geh‘ doch runter und hol‘ ihn!“ - Ich wusste doch, dass ich in ihm einen verständnisvollen Gesprächspartner gefunden hatte! -
In den letzten 10 Minuten, bis ich ans Steuer musste, holte der Apparat alles nach, was er in der vergangenen Stunde versäumt hatte. Ich hielt den Apparat sorgfältig an der Seite, so dass dem heraustretenden Kapitän nichts auffiel. Stattdessen sah er oben auf dem Peildeck den E-Stift mit der Kamera stehen und im guten Glauben, den Bösewicht vor sich zu haben, setzte es erst einmal ein kleines Donnerwetter. Als der Kapitän sich wieder in die Brücke wandte, konnte ich mir ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Zufällig sahen der Second und ich uns gerade an, und auch über sein Gesicht huschte ein Grinsen ...
Gegen 14.00 Uhr erblickten wir Suez, und nachdem wir auch den letzten Kanalelektriker und Lotsen abgegeben hatten, begann um 15.00 Uhr Bordzeit die Seereise auf dem
ROTEN  MEER.
Abends saß die Decksgang bis 21.00 Uhr bei Jürgen und Wermut. Dann verabschiedeten wir beide uns - als 0-4-Wache wollten wir vorher noch eine Mütze Schlaf nehmen.
 

 

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